Die Jugend-Pferdezeitschrift im Netz
Den Hof gar nicht erst verlassen wollen, zackeln wie ein Rennpferd,
wiehern ohne Unterlass, hinter jedem Grashalm eine
lebensbedrohliche Gefahr vermuten, auf dem Heimweg nicht mehr
zu halten sein – dies alles und noch mehr können Pferde aus ihrer
Trickkiste herausholen, wenn sie definitiv nicht allein ins Gelände
wollen. Tiere, die bei einem gemeinschaftlichen Ausritt zuverlässig,
ruhig und gehorsam sind, verwandeln sich mitunter zu
unberechenbaren und unkontrollierbaren "Streit"-Rössern, wenn
sie "nur" mit ihrem Menschen die gewohnte Umgebung und ihre
Artgenossen verlassen sollen.
Was steckt dahinter und wie begegnet man diesem Verhalten am besten?
Was tun, wenn ...
... das Pferd extrem schreckhaft ist?
1. Ursachen
Auch hier gibt es solche und solche. Die einen Pferde
haben schwache Nerven und tatsächlich Angst vor
unzähligen Dingen, den anderen sitzt der Schalk im
Nacken. Letztere nutzen dann einfach aus Spaß und
Spielfreude heraus jede Gelegenheit, um einen lustigen
Seitwärtssprung oder auch mal einen lösenden
Bocksprung in den Ausritt einzubauen.
2. Vorschläge zur Abhilfe
a) Mit den ängstlichen Pferden empfiehlt sich selbstredend wieder einmal gutes Dominanztraining.
Je sicherer sich ein Pferd von seinem Reiter beschützt fühlt, desto weniger wird
es vor den Gefahren dieser Welt Angst haben. Trotzdem bleiben Situationen wie z.B.
plötzliches Aufspringen und Davonspringen eines oder mehrerer Rehe aus dem Unterholz,
von hinten lautlos heransausende Rennräder, an die Hinterbeine springende Hunde und
anderes mehr selbst nach perfektem Dominanztraining eine unerhörte Nervenbelastung
für die meisten Pferde. Mit Strafen zu reagieren, verbietet sich selbstverständlich
auch in diesem Fall! Auch die lustigen und frechen Tiere wird man mit Strafen nicht
von ihrem Unsinn abhalten können. Erreichen würde man eher, dass aus lebenslustigen
Kapriolen gezielte Attacken auf die Gesundheit des Reiters werden.
b) Mit den Sinnen eines Pferdes die Welt erfassen! Das ist die wichtigste Voraussetzung,
um jeder Gefahrensituation ruhig begegnen zu können. Die Parole muss lauten: Ich
sehe schon etwas, was Du noch nicht siehst, aber wovor Du gleich Angst haben wirst.
Schneller als das Pferd muss der Reiter jede eventuelle Gefahrenquelle aufspüren
und in ihrer Bedeutung für das Tier erkennen. Die Zeitspanne zwischen Bemerken durch
den Reiter und Reaktion des Pferdes ist idealerweise lang genug, um dem Reiter Gelegenheit
zu geben, sich erstens auf zu erwartende Seitensprünge o.ä. einzustellen. Zweitens
aber – und das ist noch wichtiger – gibt sie ihm die Möglichkeit, sein Pferd vorbereitend
zu beruhigen, gegebenenfalls sicherer an die Hilfen zu nehmen und die ganze Situation
weitestgehend zu entschärfen. Soweit möglich sollte man zunächst aber dem Pferd die
Chance geben, sich die Gefahr am langen Zügel anzuschauen. Solange es mit seinem
Körper "in der Spur" bleibt, weiter geht und auf die Hilfen reagiert, kommt man in
der Regel mit langen Zügeln besser zurecht als mit einem einengenden Zügelmaß. Durch
die langen Zügel wird Sicherheit suggeriert, kurze Zügel können in einer solchen
Situation die Angst noch steigern.
c) Lässt sich ein Pferd durch solche Maßnahmen nicht überzeugen, kann es sehr hilfreich
sein, es nicht zu der Gefahrenquelle hinblicken zu lassen. An einem furchterregenden
Findling kommt man z.B. besser vorbei, wenn man sein Ross leicht nach außen stellt
und es etwas dem Außenschenkel weichen lässt. Wer versucht, sein Pferd mit dem Zügel
zu der Ursache seiner Angst hinzuziehen, wird eher erleben, dass zwar der Kopf dort
hin zeigt, der Körper sich jedoch nach außen weg dreht, wozu oft noch ein Rückwärtsweichen
kommt. Pferde kommen generell besser mit Gefahren zurecht, wenn sie ihnen ihre Kehrseite
zudrehen dürfen. Gleiches gilt auch für das Vorbeireiten an fremden Weidepferden.
Neugierig herangaloppierende Tiere können manchen Reiter in Bedrängnis bringen, denn
der Herdentrieb wird auch sein Pferd erfassen. Mit dem Kopf von den fremden Tieren
weg das Pferd seitwärts treten zu lassen ist in der Regel eine recht sichere Methode,
unbeschadet an anderen Pferden vorbei zu kommen.
d) Eine weitere wichtige und ergänzende Möglichkeit ist es, den Pferden durch eigene
Gelassenheit und ruhigem, zwanglosen Kontakt mit der "Gefahr" die Angst zu nehmen.
Das bedeutet am Beispiel des Findlings beschrieben: Das Wissen um mögliche Angstreaktionen
des Pferdes im Hinterkopf, reitet man so entspannt und unauffällig wie möglich an
den Stein heran. Beim ersten Stocken des Tieres lässt man es sofort in Ruhe und bleibt
ruhig dort stehen. Das Einzige, was vermieden werden sollte, ist ein Rückwärtsweichen.
Lässt die Spannung im Pferdekörper etwas nach, ermuntert man es vorsichtig, sich
dem Findling etwas weiter zu nähern, bis es wieder stockt. Sofort darf es dort verharren,
nur möglichst nicht rückwärts gehen. Die Zügel werden so lang gelassen, wie es die
Situation zulässt. Das Pferd soll sich nicht in seiner Mobilität behindert fühlen.
Je fester die Zügel, desto geringer die potentielle Fluchtmöglichkeit und demzufolge
desto höher die Aufregung. In dieser "Babyschritt-Manier" kann man sich in der Regel
bis hin zu einem Schnupperkontakt des Pferdes mit der Gefahr vorarbeiten. Voraussetzung
sind Ruhe, Konsequenz und viel Geduld auf Seiten des Reiters. Zur Unterstützung einer
solchen "Therapie" kann es sinnvoll sein, etwas Futter auf, unter oder neben das
Objekt zu legen. Hat das Pferd es schließlich erreicht, wird sein Mut dementsprechend
belohnt. Außerdem haben Kaubewegungen immer eine entspannende Wirkung.
Ute Forler
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