Die Jugend-Pferdezeitschrift im Netz
Equikids - Ausgabe 11/2009
Hilfszügel - Abzeichen am Pferdekopf - Gesundheit: Einschuss - Ponyreiten nur für Kinder? - Zirkuslektionen
Einer der großen Reitmeister sagte einmal: „Hilfszügel sind für Hilfsschüler da - seien es Pferde oder Reiter, meistens sind es die Reiter.“Recht hat er! Und dabei muss man es gar nicht einmal negativ sehen, denn der Hilfszügel kann einem Pferd oder Reiter schon mal eine echte „Hilfe“ sein, ihm einen Tipp geben, wenn er etwas einfach nicht auf die Reihe kriegt - nur muss es dabei bleiben. Er darf nicht zur Gewohnheit werden, dann wird er zum puren Unsinn.
Schaut euch mal in eurem Reitstall um. Wie viele Reiter benutzen ständig Hilfszügel? Bei fast allen Schulpferden wird gedankenlos das Martingal eingeschnallt, Anfänger reiten grundsätzlich mit Ausbindern; viel zu viele Reiter reiten mit Schlaufzügeln - sogar auf den Abreiteplätzen zum Turnier sieht man sie, und das ist wirklich ein Armutszeugnis für die Reiter!
Gedankenloser Umgang mit Hilfszügeln
Wenn ihr diese Reiter mal etwas genauer fragt,
WARUM sie die Hilfszügel benutzen, werdet ihr merken, dass sie es gar nicht so genau
wissen. Meistens kommen dann irgendwelche alten Sprüche, die sie gedankenlos übernommen
haben. UND: Viele Reiter, die mit Hilfszügeln reiten, benutzen sie, weil sie Angst
vor dem Pferd haben. Dass der Hilfszügel ihnen im Grunde auch nicht hilft, haben
sie nur noch nicht herausbekommen.
Hilfszügel, die dem Pferd helfen
Natürlich soll
man nicht alle Hilfszügel grundsätzlich verdammen. Richtig angewandt, haben sie durchaus
ihre Berechtigung. Manchmal kriegt ein Pferd eine bestimmte Kopfhaltung einfach nicht
raus, ihm fehlt die letzte Idee dazu, WIE es beispielsweise bequemer gehen kann.
Hier kann ihm ein Hilfszügel regelrecht den Weg weisen.
„Der Weg in die Tiefe“ - was ist denn das?
Habt ihr den Satz schon einmal gehört,
dass man ein Pferd „in die Tiefe“ reiten soll? Zugegeben, es hört sich ein bisschen
komisch an. Es bedeutet, dass das Pferd sich ganz strecken soll, es soll mit der
Nase fast am Boden gehen. „Blödsinn“, sagt Ihr vielleicht, „das Pferd soll am Zügel
gehen!“ Stimmt. Aber bevor es am Zügel gehen kann, muss es sich strecken. Wenn es
nämlich am Zügel geht, verkürzen sich die Hals- und Rückenmuskeln. Und bevor sie
sich verkürzen, müssen sie erst mal lang und locker gemacht werden. Dabei werden
sie warm und besser durchblutet - und jetzt kann sich der lange geschmeidige Muskel
auch ganz leicht zusammenziehen. Das „In-die-Tiefe-Reiten“ ist also eine wichtige
Lockerungsübung. Manche Pferde sind aber viel zu verspannt und aufgeregt, um den
Weg in die Tiefe zu finden, der ihren Muskeln ja Entspannung bietet. Diesen Pferden
muss man den Weg zeigen, und dafür kann man kurzfristig einen Hilfszügel einsetzen.
Der Dreieckszügel
Hierfür ist der Dreieckszügel geeignet, den man zum Longieren benutzt.
Er wird unter dem Pferdebauch in den Sattelgurt verschnallt; dann läuft er zwischen
den Pferdebeinen durch und wird durch die Trensenringe gezogen und seitlich am Pferdebauch
wiederum im Sattelgurt verschnallt. Wenn das Pferd jetzt den Kopf gerade streckt,
kommt es irgendwann einmal an eine Grenze - geradeaus geht es nicht weiter. Nimmt
es den Kopf hoch, geht es auch nicht weiter...all das ist unbequem für das Pferd.
Pferde sind ja nicht blöd - also probieren sie, den Kopf runter zu nehmen, um es
bequem zu haben...und genau das ist es! Das Pferd gleitet mit dem Kopf praktisch
am Dreieckszügel nach unten, dehnt sich und lockert damit automatisch seine Rücken-
und Halsmuskeln, die sich jetzt bequem strecken können. Sehr bald lernt das junge
Pferd diese Haltung - und dann braucht man die Dreieckszügel auch schon nicht mehr.
Der Schlaufzügel - eine ganz gefährliche Sache!
Ich glaube, es war Rolf Becher, der
sagte: „Der Schlaufzügel in der Hand eines unkundigen Reiters ist wie das Rasiermesser
in der Hand eines Affen.“ Ein kluges Wort, denn der Schlaufzügel hat eine Flaschenzugwirkung,
d.h. man selbst zieht nur ganz wenig am Zügel --- aber die Wirkung ist um ein Vielfaches
stärker. Bequem für den Reiter - aber ungeheuer gefährlich und schmerzhaft für das
Pferd.
Seltsamerweise sieht man immer mehr Reiter, die mit Schlaufzügeln reiten.
Woran mag das liegen? Kennen sie wirklich die gute Seite des Schlaufzügels? Wenn
man sieht, wie sie den Schlaufzügel benutzen, ist das nicht sehr wahrscheinlich.
Auch der Schlaufzügel soll dem Pferd den Weg in die Tiefe zeigen. Nur dazu ist er
da!
Das Pferd sucht spielerisch das Gebiss. Es kann das Gebiss nur richtig erfassen
und gemütlich darauf herumknatschen, wenn das Gebiß durch die Zügelspannnung etwas
höher im Maul liegt. Jetzt lässt der Reiter den Schlaufzügel etwas lockerer, das
Pferd sucht den Kontakt mit dem Gebiss und muss dazu den Kopf senken...und so gleitet
der Kopf sacht am Schlaufzügel nach unten. Jetzt geht das Pferd mit tiefem Kopf,
löst alle seine Muskeln. Und dann kann der Reiter durch Verkürzen der Zügel den Kopf
des Pferdes ebenso sacht wieder hoch holen und das Pferd durch tiefes Einsitzen und
Schenkelhilfe versammeln. Das kann man ein paarmal machen - damit ist das Kapitel
Schlaufzügel dann aber auch abgeschlossen.
Leider sieht man aber immer mehr Reiter,
die den Schlaufzügel nicht korrekt gebrauchen, sondern ihre Pferde damit einfach
„zusammenziehen“. Sie sind zu ungeduldig, um dem Pferd Zeit zu lassen, sich erst
zu lösen. Oder sie können überhaupt nicht gut genug reiten, um ein Pferd in die richtige
Haltung zu bringen. Achtet mal bei den „Schlaufzügelreitern“ auf den Hals des Pferdes.
Bei einem korrekt gerittenen Pferd muss er einen schönen Bogen haben, das Genick
- also der Wirbel hinter den Ohren - ist die höchste Stelle. Bei unkorrekt auf Schlaufzügel
gerittenen Pferden sieht man deutlich den „falschen Knick“, d.h. der Hals ist nicht
schön gerundet, sondern geht steif aufrecht, und der Kopf ist richtig abgeknickt
- das sieht unharmonisch aus und tut dem Pferd weh. Oft hat der Hals auch überhaupt
keine Aufrichtung, sondern knickt gleich am Widerrist ab, und das Pferd „beißt sich
in die Brust“. Ein so gerittenes Pferd kann niemals locker und kraftvoll gehen.
Also:
Schlaufzügel NUR für kurze Zeit in der Hand eines sehr erfahrenen Ausbilders - alles
andere ist Unsinn und oft genug Vertuschen des eigenen Unvermögens.
Uta Over
In den vorherigen Ausgaben haben wir die Pferdefarben in ihrer ganzen Vielfalt beschrieben.
Dabei wurde auch der Aspekt der Identitätsüberprüfung angesprochen, der sowohl bei
Renn- und Turnierpferden als auch im Fall eines Pferdediebstahls eine wichtige Rolle
spielt. In diesem Zusammenhang sind neben der Farbe auch die sogenannten Abzeichen
von entscheidender Bedeutung. Wenn ihr die Farbe und die Abzeichen eures Pferdes
genau kennt und exakt beschreiben könnt, habt ihr im Fall der Fälle, nämlich im Falle
eines Diebstahls, schon erheblich bessere Karten!
Als Abzeichen bezeichnet man die
pigmentlosen, also weißen bzw. - falls unbehaart - rosa-fleischfarbenen Partien an
Kopf und Beinen der Pferde. Sie werden bei der Fohlenregistrierung notiert und im
Abstammungsnachweis aufgeführt.
Abzeichen am Kopf
Wie bei der offiziellen Fohlenbeschreibung
beginnen wir mit den Abzeichen am Kopf. Zu ihrer Beschreibung werden bestimmte Fachausdrücke
benutzt:
Blesse (auch Blässe oder Bless/Bläss), abgekürzt Bls.:
auf der Vorderseite
des Kopfes, von der Stirn bis zum Nasenrücken, auch darüber hinaus bis zum Maulbereich,
sehr variabel in Form und Größe.
Neben Angaben zur Blesse wie „schmal“ oder „breit“ sind nähere Beschreibungen zur
eindeutigen Kennzeichnung wichtig, z.B. „kurz“, „keilförmig“ (auch „Keilblesse“ üblich),
„geschnürt“, „schief“, „bis an rechtes/linkes Auge“, „in beide Nüstern“, „in linke/rechte
Nüster“.
Verschiedentlich sind Zusätze wie „durchgehend“ oder (z.B. in rechte Nüster)
„reichend“ zu finden. Leicht übersehen wird bei den Angaben zur Blesse das Auftreten
davon getrennter heller Lippen-Flecken (Ober- und/oder Unterlippe), die eventuell
zusätzlich nach Lage und Zahl zu beschreiben sind, z.B. „Oberlippe links heller Doppelfleck“.
In der besonders breiten Form - bis an beide Augen oder sogar darüber hinausreichend
- wird eine Blesse auch als „Laterne“ beschrieben. Diese Sonderform ist häufig mit
pigmentlosen ringförmigen Randbereichen des Augapfels verbunden, den sogenannten
Glas- oder Fischaugen. Ein Auge mit gefleckt unpigmentiertem Randbereich wird „Birkauge“
genannt. Derartige Abweichungen von der Norm gehören natürlich ebenfalls zur korrekten
Abzeichen-Beschreibung.
In Verbindung mit einer bis in den Maulbereich ausgedehnten
Blesse tritt manchmal als weitere Sonderform das „Krötenmaul“ auf, gekennzeichnet
durch viele kleine dunklere Flecken auf fleischfarbenem Grund im Lippenbereich, typisch
z.B. für die Rassen Appaloosa und Knabstrupper.
Stern, abgekürzt St.:
auf den Stirnbereich
beschränkter weißer Fleck unterschiedlicher Form und Größe.
Neben Zusätzen wie „groß“,
„schief“, „halbmondförmig, links/rechts offen“, „länglich“ u.ä. sind auch Fachausdrücke
wie „Keilstern“ und „Schussstern“ (nach unten in einen längeren schmalen Streifen
auslaufend) in Gebrauch.
Flocke, abgekürzt Flo.:
kleinerer weißer Stirnfleck, regional
auch als „Blümchen“ bezeichnet.
Auch bei diesem Abzeichen sind eventuell Zusätze zur
näheren Kennzeichnung möglich bzw. nötig.
Stichelhaar vor der Stirn, abgekürzt Sti.-h.
(v. d. Sti):
kleinste Form eines weißen Kopf-Abzeichens.
Bei Abzeichen im Stirnbereich
ist zu beachten, dass deren Größe von der Geburt bis zum Ende des Wachstums normalerweise
deutlich schrumpft. So ist ein zunächst als Stern angesprochener Fleck später oft
nur noch eine Flocke, und von einer Flocke beim Fohlen bleiben oft nur noch wenige
weiße Stirnhaare beim ausgewachsenen Pferd übrig.
Schnippe, abgekürzt Schn. oder Schni.:
weißes
Abzeichen im Nüstern- und Lippenbereich. Auch hier sind Zusätze zur näheren Kennzeichnung
möglich bzw. nötig.
Als Besonderheit bei der Beschreibung von Abzeichen ist manchmal
der Ausdruck „schattiert“, abgekürzt „schatt.“, zu finden. Damit wird zum Ausdruck
gebracht, dass das Abzeichen mit einem ca. 1 cm breiten stichelhaarigen Randstreifen
in die farbige Umgebung übergeht.
Dr. Dieter Schön
Einschuss ist eine der Krankheiten, die besorgten Pferdebesitzern schon so manchen
großen Schrecken eingejagt haben. Man stelle sich nur mal folgende Situation vor:
Am Vortag hat man sein Pferd bei bester Gesundheit verlassen, es ging nicht lahm,
und an keinem Bein sah man eine auffällige Wunde. Nur einen Tag später kommt man
wieder und muss mit Entsetzen feststellen, dass das Pferd deutlich lahm geht und
ein Bein in geradezu beängstigendem Maße angeschwollen ist. In diesem Fall liegt
mit großer Wahrscheinlichkeit ein Einschuss vor.
Was ist ein Einschuss eigentlich?
Unter
Einschuss versteht man eine Entzündung der Lymphgefäße, wobei sich unter der Haut
flächenhaft Eiter ausbreitet. Ein Bein kann bei einem Einschuss um das Doppelte seines
normalen Umfangs anschwellen.
Die Infektion gelangt meistens durch eine unscheinbare
Wunde in den Körper. Dies ist auch der Grund, weshalb einen ein Einschuss oft so
unvorbereitet überrascht. Besonders betroffen sind Pferde, die gut gefüttert und
regelmäßig gearbeitet werden und dann plötzlich stehen bleiben und nicht bewegt werden.
Wie
äußert sich ein Einschuss?
Bei einem Einschuss hat das Pferd hohes Fieber und erhöhten
Pulsschlag. Zwar geht es von Anfang an deutlich lahm, die Schwellung tritt aber erst
etwas später auf. Manchmal treten bei einem Einschuss die entzündeten Lymphgefäße
am Bein hervor und sind als harte Stränge oder Knoten zu fühlen.
Was tun?
Bei einem
Einschuss sollte auf jeden Fall ein Tierarzt verständigt werden, dieser kann das
Fieber behandeln und einem die nötigen Medikamente dalassen.
Normalerweise wird das
Bein mehrmals täglich gekühlt und desinfiziert. Nach einigen Tagen wird die Behandlung
nach einigen Tagen mit einer durchblutungsfördernden Salbe fortgesetzt, die ins Bein
einmassiert wird. Bewegung ist oft hilfreich.
In den meisten Fällen ist Einschuss
zwar eine unangenehme, doch nicht besonders komplizierte Angelegenheit und ist in
ein paar Tagen überstanden.
Vorbeugend sollte man mit sogenannten Ruhetagen aufpassen!
Dass das Pferd mal Ruhe vor dem Reiter hat, ist zwar ganz nett, doch sollte es deshalb
keinesfalls 24 Stunden in einer Box verbringen, sondern lieber auf der Weide oder
im Auslauf seinen Tag genießen!
Katinka Schnitker
Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich der Reitsport auf Ponys mehr und mehr einen
Namen gemacht. Ponys nehmen an Meisterschaften teil, erbringen Spitzenleistungen
und lassen die Großen oftmals recht blass aussehen!
Dennoch scheint es nach wie vor
oft selbstverständlich zu sein, dass jeder Reiter bzw. jede Reiterin, die das entsprechende
Alter erreicht hat, ein „richtiges“ Pferd bekommt und dann „ernsten“ Sport betreibt.
Ist diese Altersgrenze wirklich sinnvoll? Und ist „richtiger“ Pferdesport wirklich
nur eine Sache der Großpferde?
Eine Maßnahme zum Schutz der Pferde?
Einerseits ist
es natürlich sinnvoll, Kinder, die zu groß werden, auf große Pferde umsatteln zu
lassen. Immer wieder gibt es unschöne Bilder, wenn beispielsweise 16-jährige Jungen
oder Mädchen, die längst 1,80 m groß sind, auf zierlichen Ponys sitzen, weil sie
in der Ponyklasse sieggewohnt sind und deshalb den Umstieg scheuen. Andere wiederum
bleiben ihr Leben lang klein und zierlich und wirken auf Großpferden recht verloren!
Hier stellt sich die Frage, ob die gutgemeinte Altersgrenze wirklich ihren Sinn erfüllt.
Verschiedene Konsequenzen
Die sportliche gesetzte Altersgrenze teilt die Ponyreiter
in zwei Kategorien: Die einen sind auf sportlichen Wettkampf aus und tauschen daher
zu gegebener Zeit ihr Pony gegen ein Großpferd. Den anderen kommt es im wesentlichen
auf die Beziehung zu ihrem Pferd an; diese geben mit Erreichen der Altersgrenze oft
die aktive Teilnahme an Wettkämpfen auf, um ihr Pony weiter zu reiten. Natürlich
kann man auch mit einem Pony an den Wettkämpfen der Großen teilnehmen. Hier trifft
man dann aber oft auf Vorurteile: Wieso reitet ein erwachsener Mensch kein richtiges
Pferd? Vor allem im Springsport liegen die Nachteile eh auf der Hand: Die Abstände
sind auf große Pferde ausgelegt, ebenso die Höhen. Hier braucht es schon ein echtes
Ausnahmepony, um problemlos mitzuhalten.
Fairer Wettkampf ist wichtig
Ein weiteres
Argument für die Altersgrenze ist natürlich völlig richtig: Es wäre unfair, wenn
die Jugendlichen, die vielleicht noch nicht sehr lange reiten, gegen Erwachsene antreten
müssten, die womöglich schon seit Jahren dabei sind. Ponyprüfungen nur für Jugendliche
sind daher sehr zu begrüßen. Doch was spricht dagegen, Ponyprüfungen für ältere Jugendliche
und Erwachsene einzuführen? Natürlich, die Tatsache, dass viele Erwachsene einfach
zu groß für Ponys sind und die meisten wettkampfinteressierten Reiter eh auf Großpferde
umsteigen. Andererseits könnte dies auch daran liegen, dass dieses Angebot nicht
in dem Maße existiert. Ein Vorschlag: Eine Gewichtsgrenze für Ponyreiter! Bei jedem
Rennen werden die Jockeys vorher gewogen. Eine Waage pro Turnierplatz kann doch nicht
so teuer sein?
Kann man auf Ponys „richtig“ reiten?
Hier kommt ein weiteres Vorurteil ins Spiel:
Unter Ponys versteht man oft genug noch kleine, wuschelige, niedliche Tiere, die
nett anzusehen sind, aber keinerlei Sporteignung mitbringen. Aber weit gefehlt: Zum
einen steckt in den niedlichen, wuscheligen Tieren oft mehr Talent, als viele glauben
würden. Reinrassige Ponys wie beispielsweise Welsh-Ponys oder Connemaras bringen
oft genug sehr viel Springtalent und schöne Bewegungen mit. Wer einmal auf Turnieren
ein schickes Welsh-A-Pony gesehen hat, das bei seiner Größe von nicht viel mehr als
120 cm eine schöne Dressur absolviert oder souverän einen Springparcours meistert,
weiß, was gemeint ist.
Zum anderen bleibt festzustellen, dass die deutsche Reitponyzucht
Spitzensportler im Kleinformat hervorgebracht hat. Hier fragt man sich allerdings,
ob wirklich noch zu Recht von Ponys die Rede ist; die ponytypischen Eigenschaften
wie Robustheit, Unkompliziertheit und Ruhe sind hier oft etwas verloren gegangen
zugunsten von Eigenschaften wie Leistungswillen, Temperament und Kampfgeist. Dennoch:
Auf diesen „Kleinen“ können große Fortschritte erzielt und beachtliche Leistungen
erbracht werden!
Wenn man sein Pferd schon lange kennt und mit ihm schon viel zusammen unternommen
hat, freut man sich immer, wenn man mal wieder etwas ganz Neues mit ihm üben kann.
Und nachdem wir uns durch die Jahre schon mit Dressur, Westernreiten und immerhin
ungefähr drei Tage lang ernsthaft mit Springen beschäftigt hatten (was natürlich
nicht heißen soll, dass wir irgendwo sonderlich gut waren), kam mir ein Buch über
Zirkuslektionen gerade recht.
Endlich mal etwas Besonderes
Das wäre doch endlich mal
etwas: Während alle um mich herum auf Turniere gehen, über bunte Stängchen springen
oder Tore vom Pferd aus auf und zu machen, könnte mein Pferd zumindestens auf Kommando
steigen, sich hinlegen oder auch auf einem Vorderbein balancieren, während es mit
den Hinterhufen bunte Bälle jongliert - eben Zirkuslektionen. Außerdem würde endlich
dieses peinliche "Äh...nun ja, wir reiten halt so durch den Wald" wegfallen, wenn
jemand fragt, was ich denn nun eigentlich genau mit meinem Pferd mache, statt dessen
könnte ich stolzerfüllt sagen: "Tja, mein Pferd kann sich zum Beispiel auf Kommando
hinsetzen!"
Optimismus ist alles
Der Plan war also gefasst: Besonders gut gefiel mir
das Kapitel über das Hinlegen, es hatte mich immer schon begeistert, wenn sich das
Pferd auf scheinbar unsichtbare Zeichen des Reiters vertrauensvoll niederlegt.
Nun
war alles sehr genau beschrieben. Um zum Ziel "Hinlegen" zu kommen, muss man dem
Pferd erst einmal beibringen, jeden Huf auf Kommando hochzuheben. Beherrscht es diese
Übung perfekt, kommt als nächstes das Hinknien und schließlich auch das Hinlegen.
Mit dem Buch in der Tasche machte ich mich auf den Weg zum Stall in der festen Überzeugung,
dass mein Pferd sich in ungefähr einem halben Jahr auf Kommando hinlegen würde. Wir
gingen auf den Reitplatz und fingen an: Im Buch stand, man solle den entsprechenden
Huf leicht mit einer Gerte antippen, dies würde das Pferd dann stören, und es würde
den Huf hochziehen. Diese Handlung sollte dann ausführlich gelobt werden. Dabei wurde
besonders betont, dass es bei einem leichten Antippen bleiben solle und man zur Not
eben etwas Geduld aufbringen müsse.
Leider reicht Optimismus allein doch nicht aus...
Dies
schien nun wirklich nicht besonders schwer, und so stellte ich mich mit meiner Gerte
neben mein Pferd und fing an, einen Huf anzutippen. Es erfolgte keine Reaktion, und
so tippte ich weiter. Nach zehn Minuten las ich dann noch mal im Buch nach, ob ich
vielleicht etwas Entscheidendes vergessen hatte, fand jedoch nichts, und meine Zeitplanung
verlängerte sich von einem halben auf mindestens ein Jahr. Nun versuchte ich andere
Stellen, andere Hufe, andere Kommandos, und erreichte damit immerhin, dass mein Pferd
in einem günstigen Augenblick genervt in die Gerte biss.
Als er dann schließlich
nach gutem Zureden und einer leichten Hilfestellung von mir und der Gerte seinen
Huf für Sekundenbruchteile ca. 10 cm von der Erde entfernte, gab ich ihm so schnell
ich konnte ein Leckerli und verließ, streng nach dem Spruch: Man soll immer mit einem
Erfolgserlebnis aufhören, den Platz.
Als mich später eine Freundin fragte, wie es
denn so gelaufen wäre, und ich meinen etwas kläglichen Versuch schilderte, tippte
sie ihrem Pferd lachend mit der Gerte gegen den Huf, woraufhin dieses bereitwillig
den Huf hochzog. Ihr Kommentar dazu war: "Das ist eben ein sensibles Pferd!" Als
ich ihr daraufhin mein Pferd zu einem günstigen Preis überlassen wollte, lehnte sie
leider ab.
Offiziell habe ich jetzt zwar mit den Zirkuslektionen aufgehört, aber
ganz unter uns: Wenn kein Mensch auf dem Platz ist, üben wir heimlich weiter, und
ich sage Euch, in spätestens fünf bis sechs Jahren kann sich mein Pferd auf ein scheinbar
unsichtbares Kommando von mir hinlegen - von wegen unsensibles Pferd und so!!!
Katinka Schnitker
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