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Verwerfen, Teil II – Was verschnallt man wie? - Boxenhaltung – Die beste Reitweise – Zum Wiehern!


Equikids 04/2012


Wenn Pferde sich verwerfen, Teil II:

Ursachen für das Verwerfen


Beim Pferd
Das Problem des Verwerfens ist nicht erkennbar an bestimmte anatomische Probleme des Pferdes gekoppelt. Es ist nicht ein – wie auch immer – ungünstiger Körperbau, der zu diesem Fehler führt. Trotzdem gibt es gewisse körperliche Ursachen, die das Entstehen des Verwerfens begünstigen können. Dazu gehört eine gymnastische Unbeweglichkeit oder auch eine starke Einseitigkeit des Pferdes. Ein Tier, dem es schwer fällt, sich zu biegen, wird auf vielerlei Arten versuchen, sich dieser Anforderung zu entziehen. Wie wir im Selbstversuch gemerkt haben, ist eine korrekte Stellung eine unabdingbare Voraussetzung für die korrekte Biegung. Pferde, die sich verwerfen, wehren sich auf eine unauffällige und einfache, dabei aber höchst effektive Art gegen die Biegung ihres Körpers.
Beim Reiter
Pferde haben einen extrem stark ausgeprägten Gleichgewichtssinn. Sitzt ein Reiter nicht absolut ausbalanciert, wird er sein Pferd vor ein großes Problem stellen. Einerseits versucht es, seine Hilfen umzusetzen, andererseits wird es durch den Reiter selbst daran gehindert. Hinzu kommt, dass aus einem ungleichen Sitz heraus ebenso ungleiche Hilfen gegeben werden. In der Regel kann man beim Verwerfen sogar davon ausgehen, dass nicht nur ungleiche Hilfen gegeben werden, sondern dass die grundsätzliche Gewichtung der Hilfen auf den Kopf gestellt wurde. Gewicht und Beine des Reiters kommen falsch und/oder viel zu wenig zum Einsatz, wohingegen die Zügel übermäßig strapaziert werden. Die natürlichen und harmonischen Bewegungsabläufe einer Biegung, wie wir sie selbst nachempfunden haben, werden durch den Reiter be- oder sogar verhindert. Das Verwerfen im Genick ist ein mehr oder weniger verzweifelter Versuch, einigermaßen unbeschadet aus dem Schlamassel von Gleichgewichtsstörungen, falschen Hilfen und geforderten Lektionen herauszukommen.

Wie reagieren Reiter in Allgemeinen auf das Problem?
Der Reiter merkt, das sein Pferd den Kopf nicht mehr gerade hält. Unglücklicherweise wird er in der Regel versuchen, das Problem mit dem Zügel zu lösen. Angenommen, das Pferd verwirft sich nach rechts, wird er demnach am linken Zügel ziehen, um den Kopf wieder gerade vor den Hals zu bekommen. Damit aber leistet er dem Fehler unbewusst sogar noch Vorschub. Gegen diesen Zügel hat das Pferd eigentlich nichts. Der Zug darauf macht ihm nichts aus, und auch einer Druckverstärkung begegnet es oftmals völlig ungerührt. Es wird weiterhin mit aller Kraft versuchen, die andere, angehobene Maulhälfte vom Zügel fern zu halten. Je mehr also der Reiter am unteren Maulwinkel zieht, desto stärker wird sich das Pferd verwerfen.

Warum lässt sich der Kopf nicht einfach "gerade ziehen"?
Die Kopfhaltung ist ja nicht die Ursache. Natürlich könnte das betreffende Pferd ohne Probleme seinen Kopf gerade halten. Es steht sicher nicht mit schiefer Nase auf der Weide oder in seiner Box. (Falls dies doch der Fall sein sollte, handelt es sich bei dem Problem nicht um ein Verwerfen, sondern um eine anatomische Abnormität, welche von einem Tierarzt untersucht werden muss.) Im Grunde wehrt sich das Pferd nicht gegen den Zügel, dem es ausweicht, sondern gegen die Körperhaltung, die es annehmen müsste, wenn es sich an beide Zügel gleichmäßig anlehnen würde. Die Problem muss demnach dort bekämpft werden, wo es entsteht: in der Geschmeidigkeit des Pferdekörpers. Hilfsmittel dieser Korrektur sind auf gar keinen Fall irgendwelche Hilfszügel! Gearbeitet wird mit korrektem Sitz und Zusammenspiel der Hilfen des Reiters. Die Zügel spielen eine – wie immer ! – untergeordnete Rolle. Stimmen die gymnastische Vorarbeit sowie alle anderen Einwirkungen, ergeben sich die korrekte Anlehnung und Kopfhaltung von ganz alleine.

Warum lässt sich das Verwerfen so schwer korrigieren?
Anders als so offensichtliche Untugenden wie Steigen, Bocken, Durchgehen, gehört Verwerfen zu den scheinbar unauffälligen Problemen, die dem Reiter vortäuschen, es handele sich ja nur um eine Kleinigkeit. "Diese leichte Achsverschiebung in der Kopfhaltung ist doch nicht so schlimm ..." mag mancher denken. Aus eben diesem Grunde wird viel zu selten sofort und gezielt nach Abhilfe gesucht. Je länger jedoch dieser Fehler toleriert wird, desto stärker wird er sich verselbständigen. Hat sich ein Pferd erst einmal daran gewöhnt, mit Hilfe des Verwerfens einen für sich (scheinbar) bequemeren Weg der Dressurarbeit zu finden, wird es mit zunehmender Dauer dieses Verhaltens einer immer größeren und konsequenteren Aufwand benötigen, um eine bleibende Verbesserung zu erreichen. Selbst wenn die Ursache schließlich beseitigt wurde, kann es sein, dass das Pferd immer wieder in die alte Gewohnheit zurückfällt, obwohl diese im Grunde zu Fehlbelastungen und Verspannungen führt. Aber derartiges Beibehalten schlechter Angewohnheiten wider besseres Wissen ist gerade uns Menschen wohl bestens bekannt.

In der nächsten Ausgabe von Equikids im Mai wird es konkret: Wir befassen uns mit den Abhilfemaßnahmen.

Ute Forler


Gewusst wie:

Was verschnallt man wie und wo?


Einfaches Halfter, Hannoversches oder Englisches Reithalfter, Pullerriemen, Kappzaum und so weiter... alles wird anders verschnallt und hat seinen Sinn. Wie man was richtig verschnallt und warum, erfahrt ihr hier.


Das Stallhalfter


Wozu braucht man es?

Es heißt Stallhalfter, weil man es im Stall immer dann braucht, wenn man mit dem Pferd umgehen will, also beispielsweise zum Anbinden oder zum Führen.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Das Stallhalfter soll eng, aber nicht beengend am Kopf sitzen. Der Nasenriemen liegt ein bis zwei Fingerbreit unterhalb des Jochbeins, und zwar so locker, dass eine flache Hand zwischen Pferdekopf und Halfter Platz hat. Es ist also sinnvoll, ein auch im Nasenbereich verstellbares Halfter anzuschaffen.

Ebenso viel Platz muss zwischen dem Kehlriemen und den Ganaschen sein.

Wichtig ist, dass sich der Riemen über den Nacken im Notfall schnell öffnen lässt. Überlange Riemen, deren Enden man durch Laschen fixieren muss, sind hier also unerwünscht.


Der Kappzaum


Wozu braucht man ihn?

Man benutzt ihn zum Führen und Longieren von Pferden, oft auch für die Bodenarbeit. Dabei befestigt man eine Longe oder Hilfszügel an einem oder mehreren Ringen am Nasenband.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Der Nasenriemen muss absolut fest sitzen. Hierbei darf kein Finger zwischen Kappzaum und Kopf passen. Die Polsterung des Nasenriemens bzw. die absolute Passform auf der Nase verhindern Druck- und Scheuerstellen.

Der Kehlriemen lässt wie immer einer Hand Platz zwischen Riemen und Kehle.

Oft haben Kappzäume noch einen stabilisierenden Riemen, der unterhalb der Ganaschen verschnallt wird. Auch er muss absolut fest gezogen werden, weil er als zusätzliche Fixierung fungiert.

Das Hannoversche Sperrhalfter (Reithalfter)


Wozu braucht man es?

Der ursprüngliche Sinn dieses Halfters ist leider weitgehend verloren gegangen - meistens wird es sinnentstellend gebraucht.

Ursprünglich benutzte man es, um bei jungen Pferden das Gebiss kurzzeitig im Maul zu fixieren, d.h. um ihnen zu zeigen, wie man darauf herumkauen kann, und dadurch eine gezielte Einwirkung auf den Unterkiefer zu erzielen.

Damit diese Einwirkung nicht zu heftig wurde, wurden die Zügel in der ersten Zeit nicht nur in die Gebissringe geschnallt, sondern das Backenstück bzw. der Ring des Hannoverschen Sperrhalfters wurde mit gefasst. So ging der Druck erst einmal auf die Nase und erst später aufs Gebiss.

Das war zu einer Zeit, wo das Ziel der Ausbildung die Kandare war. Das Maul des Pferdes sollte also besonders vorsichtig behandelt werden.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Heutzutage ist das Hannoversche Sperrhalfter lange keine Ausbildungszäumung mehr, sondern gehört zumindest in Sportkreisen zur Standardausrüstung.

Der Nasenriemen soll zwei bis drei Finger breit über den Nüstern und dem Ende des Nasenknorpels liegen. Er wird über dem Gebiss so fest verschnallt, dass noch zwei Finger dazwischen Platz haben.

Das Problem liegt hierbei darin, dass das Hannoversche Sperrhalfter für Warmblutpferde entwickelt wurde, welche meistens eine viel längere Maulspalte haben als beispielsweise Ponys. Bei Ponys/Pferden mit kurzer Maulspalte ergibt sich dann das Problem, dass das Hannoversche Halfter anatomisch bedingt schon zu tief liegt, die Ausdehnung der Lufttrompete und damit die Atmung behindert und oft schmerzhaft auf das Ende des Nasenknorpels drückt. Die Folge sind verzweifelt geweitete Nüstern und eine Blähung der Lufttrompete über dem Sperrhalfter.

Das Hannoversche Sperrhalfter sollte man mit äußerster Vorsicht anwenden. Als tägliche Zäumung ist es unnötig.


Das Englische Reithalfter


Wozu braucht man es?

Das Englische Reithalfter wird dazu gebraucht, das Aufsperren des Mauls bei harter Zügeleinwirkung zu verhindern. Ob es nicht sinnvoller wäre, die Zügeleinwirkung sanfter zu gestalten, mag für den Normalfall dahingestellt sein.

Bei schnellen Geländeritten ist es sicherlich sinnvoller, das Gebiss im Maul zu fixieren, als es dem Pferd bei heftigen Wendungen o. Ä. quer durchs Maul zu ziehen.

Auch bei der Zäumung auf Kandare kommt das Englische Reithalfter zum Tragen. Hier besteht der Sinn darin, die beiden Gebisse - also Unterlegtrense und Kandare - fein säuberlich an ihrem Platz im Maul zu fixieren. Gerade beim Reiten auf Kandare ist eine sehr exakte Einwirkung notwendig, und die kann eigentlich nur erreicht werden, wenn die Gebisse genau dort im Maul liegen, wo sie am besten wirken. Wenn sich das Pferd hier der Einwirkung durch Maulöffnen entzieht, wird die Wirkung ungenau und damit zu scharf oder für das Pferd unverständlich.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Das Englische Reithalfter wird ein bis zwei Fingerbreit unterhalb des Jochbeins unter dem Backenstück verschnallt. Auch hier ist darauf zu achten, dass zwischen Pferdekopf und Halfter etwa zwei Finger Platz haben, damit das Pferd noch kauen kann.

Beim Kandarenkopfstück verläuft der Nasenriemen oft durch eine Lasche im Backenstück und ist somit noch exakter fixiert.


Das Englische Reithalfter mit Pullerriemen


Wozu wird er gebraucht?

Der Name sagt es: damit das Pferd nicht pullt. Und wie verhindert man das, wenn das Gebiss durch das Englische Reithalfter schon im Maul fixiert ist? Da gibt es nur noch eine Möglichkeit: indem man dem Pferd die Luft abschnürt.

Der so genannte Pullerriemen verläuft nämlich vom Nasenbein bis in die Kinngrube direkt über der Lufttrompete. Die schnürt man damit ein, d.h. sie kann sich bei stärkerer Atmung nicht weiten und das Pferd bekommt keine Luft. Das Ergebnis ist ein pumpendes Pferd, das oft verzweifelt mit dem Kopf schlägt... oder langsamer wird, damit es genügend Luft bekommt. Eine bessere Fixierung des Gebisses im Maul ist durch den Pullerriemen nicht gegeben.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Dazu ist nur Widersprüchliches zu sagen. Am besten ist es, man benutzt ihn nicht. Und wenn man ihn benutzt, sollte man ihn so verschnallen, dass er die Lufttrompete nicht einschnürt, also locker, und daher nicht wirkt.

Wie locker, kann man erst feststellen, wenn das Pferd heftig atmet und man sieht, wie weit sich die Lufttrompete öffnet.

Mit einem Wort: Am besten lässt man ganz die Finger davon.


Amerikanisches Sperrhalfter


Wozu benutzt man es?

Das amerikanische Sperrhalfter ist die schärfere Variante des Englischen Reithalfters. Es ist bleistiftdünn und soll das Pferd daran hindern, das Maul zu öffnen.

Man benutzt es bei Pferden, die (noch) nicht begriffen haben, dass sie auf dem Gebiss herumkauen können, und sich "im Maul sperren". Im Gegensatz zum Englischen Reithalfter, das beim normalen Reiten benutzt werden kann, ist das Amerikanische Sperrhalfter ein Ausbildungsinstrument. Man sollte sich hüten, es "zur Korrektur" einzusetzen - das klappt wegen der Schärfe der Wirkung nicht.

Was ist beim Verschnallen zu beachten?

Das dünne und somit scharf wirkende Halfter sitzt einen bis zwei Finger unter dem Jochbein und wird so straff verschnallt, dass etwa zwei Finger zwischen Halfter und Kopf passen. Das Pferd kann dann also noch auf dem Gebiss herumkauen, sich der Gebisseinwirkung aber nicht entziehen. Sowie das Pferd das Gebiss annimmt, sollte man dieses Halfter entfernen.


Kinnriemen/Kinnketten


Wozu benutzt man sie?

In der klassischen Reitweise sind Kinnketten immer mit einem Hebelgebiss kombiniert. Diese Hebel können Anzüge sein, es können  aber auch wie beim Kimblewick (Springkandare) Trensenringe mit Löchern sein, in welche die Zügel geschnallt werden.

Durch das Annehmen der Zügel gehen die oberen Anzüge des Gebisses nach vorn und geben somit Druck auf die Kinngrube. Bei entsprechender Schulung reagiert das Pferd auf diesen Druck.

Im Westernreiten benutzt man beim Reiten auf Kandare häufig Lederriemen, weil diese weicher wirken, aber das System ist dasselbe.

Was ist bei der Verschnallung zu beachten?

Da die Kinngrube äußerst empfindlich ist, ist die Verschnallung sensibel zu gestalten.

Kinnketten bei Kandaren müssen "ausgedreht" werden. Das bedeutet, dass man sie am rechten Haken einhängt und dann in der Hand so dreht, dass sich Glied an Glied weich anschmiegt. Dann hängt man die Kinnkette an der linken Maulseite in den Haken ein, und zwar so, dass noch gut zwei Finger Platz zwischen Kinn und Kinnkette haben. Sehr wichtig ist es, dass sich die Kinnhaare nicht in der Kette verhaken - das Ziepen kann sehr schmerzhaft sein und fatale Folgen haben.

Die bei Westerngebissen verwendeten Lederriemen verlaufen meist doppelt unter dem Kinn, d.h. sie werden durch die linke Gebissseite gezogen, verlaufen unter dem Kinn bis hin zur rechten Gebissseite und von dort wieder zurück.  Hier ist darauf zu achten, dass die Riemen unter dem Kinn glatt verlaufen.

Es gibt auch Kinnketten, die rechts und links mit einer Lederschlaufe versehen sind. Auch bei ihnen muss man darauf achten, dass sie gut ausgedreht sind und rechts und links gleichmäßig verschnallt werden, sonst wird der Druck auf das Kinn ungleichmäßig.


Kinnriemen zum snaffle-bit


Wozu braucht man sie?

Dieser Kinnriemen ist lediglich dazu da, die Ringe des snaffle-bits (=Wassertrense) so zu halten, dass das Gebiss mittig im Maul liegt.

Was ist bei der Verschnallung zu beachten?

Der Kinnriemen muss so lose verschnallt werden, dass er keinerlei Druck auf die Kinngrube ausübt.


Noch ein paar Grundsätze


Jedes Halfter wird anders verschnallt, und das hat seinen Sinn. Man sollte sich also hüten, beispielsweise einen Kappzaum locker oder eine Kinnkette zu fest zu verschnallen. Diese "Vorschriften" sind nicht auf dem Papier, sondern aus der Erfahrung entstanden. Falsche Verschnallungen können den Pferden weh tun, sie können sie irritieren, wirken nicht oder können die Pferde zum angeblichen "Ungehorsam" verleiten.

Also sollte man jedes Halfter so verschnallen, wie es gedacht ist, und sich nicht auf individuelle Experimente einlassen.

Die meisten Halfter haben Lederlaschen, in welche man zu lange lose Riemen steckt. Dies sollte man auch unbedingt tun, denn erstens ist die Schnalle damit besser fixiert, und zweitens schätzen Pferde es nicht, wenn ihnen lose Riemenenden im Gesicht herumbaumeln.

Ein Halfter, egal welcher Art, muss genau so korrekt verschnallt sein, wie man korrekt sattelt.

Uta Over



Glücklich in der Box?

Die positiven Seiten der Boxenhaltung


Es ist Mode, wider die Boxenhaltung zu schreiben und zu sprechen. Denkt man dabei an die alten „traditionellen“ Boxenställe mit dunkler Stallgasse, muffiger Luft, geschlossenen Fenstern und Türen und hoch vergitterten Boxen, die den Pferden jeglichen Sozialkontakt untersagen, dann hat das seine Berechtigung.

Solche Ställe findet man erfreulicherweise jedoch fast nur noch dort, wo sie wirklich nötig sind: In Landgestüten mit Hengsthaltung, bei Händlern oder in Kliniken, also überall dort, wo wechselnde Pferde nebeneinander stehen und „Ruhe halten“ müssen.

Heute sind selbst diese traditionelle Ställe schon weitgehend umgebaut: Die Boxen sind größer und sie haben mehr Licht und Luft als früher.


Wann ist die Box sinnvoll?

Sie ist immer dann sinnvoll, wenn ein Pferd Ruhe braucht. Das bedeutet jedoch nicht, dass es ständig in der Box leben muss. In bestimmten Fällen ist es angebracht, die Box nur für Tage zu nutzen und das Pferd dann eventuell wieder in eine Gruppen-Auslaufhaltung oder auf die Weide zu bringen.

Ein krankes oder altes Pferd beispielsweise braucht mehr Aufmerksamkeit, oft Pflege und auch Ruhe vor den anderen Pferden. So schön die Gruppen-Auslaufhaltung ist – hier kann die Gruppe zu einer Belastung für das Pferd werden und es empfindet die eigene Box als eine Oase der Erholung.

Individuelle Fütterung ist bei schlecht fressenden Pferden in der Gruppe nur schwer möglich. Langsam fressende Pferde genießen die Abgeschiedenheit der Box, wo sie beim Fressen ruhig mal trödeln können, ohne dass neidische Herdengenossen nach ihrem Futter gieren.

Hochleistungspferde brauchen nach der Arbeit unbedingt die Rückzugsmöglichkeit und Ruhe der Box. Hier können sie ohne Rücksicht auf andere Pferde relaxen und Kraft tanken. So schön und wichtig die Sozialkontakte der Pferde untereinander sind, und so sehr sie sie brauchen – sie sind auch anstrengend. Und Sportpferde brauchen nun mal ihre ganze Kraft für ihre Arbeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie nur „Arbeit und Box“ kennen sollten. Auch sie brauchen nach ihrer anstrengenden Arbeit und nach der Erholungsphase Sozialkontakte mit der Umgebung und mit anderen Pferden. Das muss keine Gruppe auf der Weide sein – sie sind schon für einen Paddock mit netten Nachbarn dankbar.


Die Box als Daueraufenthalt?

Als Daueraufenthalt für 24 Stunden täglich - und das ein ganzes Leben lang - ist die Box abzulehnen. Das Lauftier Pferd braucht ständige leichte Bewegung. Die Trainings- oder Arbeitsstunden reichen oft aus, um es körperlich und geistig auszupowern, aber nach der Arbeit ist die vollkommene Ruhe in der Box ohne Sozialkontakte oft kontraproduktiv. Das äußert sich körperlich in Stoffwechselstörungen, dicken Beinen, lange Aufwärmphasen beim Reiten, und psychisch durch „Untugenden“ wie Koppen und Weben, die im Grunde nur Hilferufe sind, es aus seiner Einsamkeit zu erlösen.

Es gibt immer noch Schulpferde und viel mehr Privatpferde, als man glauben sollte, deren Leben sich zwischen Reithalle/-platz und Box abspielt. Das ist ethisch nicht vertretbar, und die Reiter sollten sich über besondere Verhaltensweisen ihrer Pferde wie Beißen und Schlagen nicht wundern.

Will man ein Pferd nicht in der Gruppe, sondern einzeln halten, dann muss die Box so gestaltet sein, dass ständige leichte Bewegung und Sozialkontakte gewährleistet sind, d.h. zur Box muss unbedingt ein frei zugänglicher Paddock gehören, über dessen Begrenzung hin der soziale Kontakt zum Nachbarn möglich ist und von wo aus das Pferd an seiner Umwelt teilnehmen kann.


Die Box muss kein Gefängnis sein

Es gibt Empfehlungen für Mindestmaße für Boxen, die sich nach der Pferdegröße richten. Ohne auf diese Mindestmaße einzugehen, kann man von vornherein sagen, dass jede Box, in der das Pferd ständig stehen muss, zu klein ist. Ob auf 12 qm nun ein Shire Horse oder ein Shetlandpony steht.

Zur Box sollte als Selbstverständlichkeit ein Paddock gehören, der jederzeit genutzt werden, notfalls aber auch mit einer Tür abgegrenzt werden kann. Das kann der Fall sein bei Krankheit des Pferdes, aber auch wenn ein neuer Boxennachbar eingezogen ist und man die Kennenlern-Phase gern unter Aufsicht hätte, so dass keine wilden Kämpfe über die Paddockbegrenzung stattfinden.

Auch bei extrem schlechter Witterung und „uneinsichtigen“ Pferden sollte der Paddock abgegrenzt werden können. Extrem schlechte Witterung kann ein glühend heißer Sommer sein, bei dem sich das Pferd trotz strahlender Sonne immer noch in den Paddock stellt und damit einen Sonnenbrand oder Kreislaufzusammenbruch riskiert. Es kann aber auch anhaltender Regen sein, der das Pferd auch nicht davon abhält, draußen zu stehen – kaum ein Risiko bei Pferden in der Gruppe auf großen Flächen, weil sie sich dort ständig bewegen und einen Witterungsschutz aufsuchen könnten. Dem Pferd in der Box ist der Kontakt nach draußen oft wichtiger als ein trockenes Fell, und beim Stehen auf dem Paddock erkältet es sich schnell. Abhilfe kann eine entsprechende Decke schaffen oder eben die zeitweise Sperrung des Paddocks.

Der Paddockboden sollte wenn irgend möglich anders gestaltet sein als der Boxenboden, denn unterschiedliche Böden tun den Pferdebeinen gut. Selbstverständlich darf er bei Regen kein Matschloch sein. Andererseits soll er nicht zu hart sein. Beton und Rasengittersteine sind ungeeignet. Es gibt spezielle Paddockböden aus verschiedenen Kunststoffen, die leider sehr teuer sind. Aber es ist eine Investition, die sich lohnt, denn die Pferde verbringen viele Stunden darauf.


Die Ausstattung der Box

Von vornherein muss an ausreichend Licht und Luft gedacht werden, d.h. Widerristhöhe plus ein Meter bis zur Decke ist zu wenig. Die Luft muss zirkulieren können, aber es sollte kein ständiger Zug im Stall sein – das gibt Erkältungen.

Auch sollte man so viel Tageslicht als möglich herein lassen. Die einzige Zeit, in welcher Pferde dunkle Boxen schätzen, sind insektenreiche Tage. Insekten suchen das Licht. An solchen Tagen kann man das Fenster verhängen oder ähnliche Maßnahmen ergreifen, um die Box zu verdunkeln. Grundsätzlich aber ist Licht für Pferde so wichtig wie Luft. Fenster sollten mit Spezialglas versehen sein, das nicht splittert. Oder man baut von innen ein Gitter davor, das zum Fensterputzen aufgeklappt werden kann.

Futterkrippe und Tränke sollten an entgegengesetzten Enden der Box sein. Es ist gar nicht lustig, wenn das Pferd jeden Bissen Heu erst in die Selbsttränke tunkt und dann kaut. Damit verbraucht es nämlich zu wenig Speichel, dessen Inhaltsstoffe für die Verdauung der Nahrung wichtig sind. Außerdem fördert die räumliche Trennung von Futter und Wasser die Bewegung, weil das Pferd immer hin und her gehen muss.

Alte Selbsttränken werden betätigt, indem das Pferd mit dem Nasenknorpel auf eine Metallzunge drückt. Abgesehen von dem unangenehmen zischenden Geräusch und dem gewiss nicht angenehmen Druck auf die Nase ist das Trinken so, als ob man durch einen nicht gut durchlässigen Strohhalm trinkt, also nicht wirklich komfortabel. Moderne Tränken haben einen ständigen Wasserspiegel, der in dem Maße nachläuft, wie das Pferd trinkt.

Wichtig ist, dass jede Tränke einzeln abgestellt werden kann. Wenn man nicht sicher ist, ob das Pferd ausreichend trinkt, kann man so mit Eimern tränken und die aufgenommene Wassermenge kontrollieren.


Boxenhaltung kann positiv sein

Wenn das Pferd nicht ständig „eingesperrt“ ist, sondern zwischen Box und Paddock wählen kann und regelmäßig für Stunden in einen großen Auslauf kommt, kann die Boxenhaltung selbst für Nicht-Hochleistungspferde positiv sein. Wichtig ist, dass die Box nicht der hauptsächliche oder gar ständige Aufenthalt des Pferdes ist.

Wichtig sind in der Box auch Licht und Luft. Ständiges Halbdunkel, geschlossene Fenster und Türen – alles das fördert Krankheiten viel mehr als es sie verhindert. Auch ein Pferd, das schwer arbeiten muss, braucht während der arbeitsfreien Zeit keine Dämmerung. Will es Ruhe haben und legt es sich hin, hat es auch in einem hellen Stall die Abgeschiedenheit, die es möchte.

Uta Over


Zur Diskussion: Die beste Reitweise?


Westernreiten ist phantastisch! Westernreiten ist überhaupt die einzige richtige Reitweise der Welt! Westernreiten ist außerdem unglaublich pferdefreundlich, und nur Westernreiter können wirklich reiten!

Warum um alles in der Welt gibt es dann überhaupt noch andere Reitweisen? Diese Frage stellen sich inzwischen einfach alle  -  Westernreiter...

Dressurreiter sehen dies natürlich etwas anders, regen sich aber nicht weiter darüber auf, denn schließlich haben sie erkannt, dass Westernreiter sowieso keine Ahnung haben, am wenigsten natürlich vom Reiten.

So denkt inzwischen so gut wie jeder Reiter: Die eigene Reitweise ist die einzig wahre. Einen Menschen, der sich einfach nur als "Reiter" definiert, muss man zur Zeit schon ziemlich lange suchen. Fragt man jemanden, der sich mit Pferden beschäftigt, was er ist, so wird sich dieser fast unweigerlich in eine bestimmte Kategorie einordnen: "Ich bin Freizeitreiter", "Ich bin Dressurreiter", "Ich bin Westernreiter", "Ich bin Springreiter", "Ich bin Barockreiter", "Ich bin Gangpferdereiter" und so weiter.

Jeder scheint also sehr darauf bedacht zu sein, direkt zu betonen, für welche Reitweise er sich entschieden hat, und selbstverständlich fehlt auch niemals der Vortrag darüber, wie wundervoll ausgerechnet diese Reitweise sei und wie unmöglich alle anderen sind.

(Obwohl dies für alle Reitweisen gleichermaßen zutrifft, beschränken sich die meisten Beispiele der Einfachheit halber auf den Konflikt zwischen Dressur- und Westernreitern.)


Die Entscheidung

Natürlich ist es verständlich, dass man der eigenen Reitweise irgendetwas abgewinnen kann, das man in anderen nicht zu finden glaubt, sonst hätte man sich schließlich nicht ausgerechnet für diese Reitweise entschieden. Dass man also hinter einer bestimmten Reitweise steht und die Vorteile, die man in dieser Reitweise sieht, auch nach außen hin vertritt, ist die eine Sache, aber warum muss man gleichzeitig jeder anderen Reitweise jegliche Qualität absprechen?

In der Regel entscheidet man sich schließlich nicht für eine Reitweise, weil man jahrelang alle existierenden Reitweisen eingehend studiert hat und ihre sämtlichen Vor- und Nachteile sorgsam miteinander verglichen hat, um so die Beste (falls es sie gibt) herauszufinden, sondern man wählt diejenige, welche der eigenen Vorstellung vom Reiten am ehesten entspricht. Manche wachsen auch in eine Reitweise hinein, und einige entscheiden sich vielleicht auch nur für eine bestimmte Reitweise, weil sie denken, dass ihnen so ein schicker Cowboyhut auf Dauer einfach phantastisch stehen könnte.

Obwohl die Wahl der Reitweise also eigentlich nur eine Frage der persönlichen Vorlieben ist und man über die anderen Reitweisen oftmals noch nicht mal besonders gut Bescheid weiß, spaltet dieses Thema die Reiter in ziemlich extreme Lager.


Verschiedene Ställe

Ein friedliches Miteinander scheint tatsächlich nicht mehr möglich zu sein: Immer mehr bildet sich auch eine räumliche Trennung der Reitweisen aus.

Die Gangpferdereiter bleiben ja schon länger lieber unter sich, und einen einzelnen Isländer zusammen in einem Stall mit ansonsten nur "normalen" Pferden wird man wohl nach wie vor nur schwer finden.

Doch inzwischen macht auch ein Dressurreiter auf Stallsuche einen möglichst großen Bogen um jeden Westernstall und umgekehrt. Und selbst die Freizeitreiter mischen sich nicht mehr selbstverständlich unter die anderen Reitweisen, sondern rotten sich inzwischen auch lieber in eigenen Gruppen zusammen.  

Wenn man sich in den Ställen einmal genauer umsieht, ist dieses Verhalten auch nicht gerade verwunderlich:

Kaum befindet sich eine Reitweise in der Mehrheit, neigen ihre Vertreter dazu, den anderen gegenüber arrogant aufzutreten; und in schlimmeren Fällen muss man sich sogar Feindseligkeiten anhören, nur weil man sich für eine andere Reitweise entschieden hat. In solch einer Atmosphäre kann einem die Lust, in den Stall zu fahren, schon mal ganz schnell vergehen.

Schon ein Blick in eine Sattelkammer voller Westernsättel stempelt den Besitzer des einzigen Dressursattels zum erklärten Sonderling ab. Aufgrund solch einer intoleranten Umgebung räumen immer mehr "anders geartete" das Feld, während Gleichgesinnte mit offenen Armen empfangen werden.

So spezialisieren sich die Ställe immer mehr, und wenn man in der Zeitung eine Anzeige findet, in der ein Dressurstall noch einen Platz zu vergeben hat, muss man als Westernreiter erst gar nicht anrufen.


Es könnte so schön sein

Dadurch, dass so viele Reiter dazu neigen, sich völlig auf eine bestimmte Reitweise zu versteifen, und diese als die einzig wahre Methode ansehen, sich auf einem Pferd vorwärts zu bewegen, geht leider auch ein sehr schöner Aspekt des Reitens verloren: die Vielfältigkeit. Warum sollte man nicht am Montag an einer Dressurstunde teilnehmen und am Dienstag mit einem Bosal ins Gelände gehen oder mit seinem Pferd üben, über eine Wippe zu gehen?

Wenn man schon mit einem Tier arbeitet, welches einem so viele verschiedene Fähigkeiten und Möglichkeiten bietet, sollte man diese ruhig nutzen, zumal auch Pferde Abwechslung immer wieder sehr zu schätzen wissen.

Gerade hier wäre ein Stall, in dem sich möglichst viele verschieden Reitweisen mischen, doch eigentlich sehr schön und praktisch. In so einem Stall könnte man von den Erfahrungen der anderen profitieren und viel unkomplizierter auch mal etwas Neues ausprobieren.

So wird man als Westernreiter in einem Westernstall sicherlich mit guten Ratschlägen zu allen möglichen Westernprüfungen überschüttet, doch wenn man mit seinem Pferd auch mal über ein paar Hindernisse springen möchte, wäre es doch ziemlich praktisch, einfach einen Springreiter zur Hand zu haben, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht.

Und würden einige Westernreiter einen Trail auf die Beine stellen, würden sich bestimmt noch jede Menge anderer Reiter finden, die auch Lust hätten, daran teilzunehmen.

Auch für viele Probleme, die im Umgang oder beim Reiten auftauchen können, gibt es durchaus auch sinnvolle Lösungsansätze aus anderen Reitweisen, welche man anwenden kann, ohne von seinem eigenen Weg abzukommen.


Reiter ist nicht gleich Reitweise

Angebliche Beweise dafür, dass andere Reitweisen schlecht sind und noch dazu an Tierquälerei grenzen, finden sich leicht, denn negative Beispiele sieht man leider überall.

Sieht ein Westernreiter beispielsweise, wie ein völlig verspanntes Pferd durch den Einsatz etlicher Hilfszügel in die "richtige" Haltung geschnallt wird, kann er sich sicherlich mit Recht darüber aufregen. Und auch der Ärger eines Dressurreiters ist nur zu gut zu verstehen, wenn er gerade Zeuge davon wurde, wie ein Westernreiter das Wettziehen an einer Westernkandarre mit seinem Pferd gewonnen hat und nun stolz ist, dass er aus dem Trab anhalten kann.

Doch sind solche Beispiele mangelnden reiterlichen Könnens wirklich Ausdruck einer Reitweise?

Was hier von den zahlreichen Kritikern nämlich völlig durcheinandergeworfen wird, ist einmal die Reitweise und auf der anderen Seite ihre Ausführung.

Dies sind in der Realität nämlich leider in den meisten Fällen zwei völlig verschiedene Dinge.

Die meisten Reitweisen gibt es schon recht lange, so dass sie im Laufe der Zeit immer wieder durchdacht, verfeinert und weiterentwickelt wurden. Man kann also schon einmal davon ausgehen, dass keine Reitweise einfach irgendeinen undurchdachten Schwachsinn lehrt.

Aus den verschiedenen früheren Einsatzorten des Reitens, also etwa im Kampf oder um Herden zu treiben, haben sich zwar verschiedene Reitweisen entwickelt, doch alle haben im Prinzip dieselben Ziele, etwa eine möglichst gute Verständigung mit dem Pferd und eine Haltung, die es dem Pferd ermöglicht, das Gewicht des Reiters richtig tragen zu können.


Extreme Unterschiede?

Würde sich also ein Westernreiter einfach einmal die Mühe machen, sich mit der Lehre und den Zielen des Dressurreitens auseinanderzusetzen, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit anders über diese Reitweise denken.

Und auch ein Dressurreiter würde sich wundern, dass die Anleitung zum Westernreiten wenig mit "gebt jemanden einen Westernsattel und ein scharfes Gebiss und lasst ihn ansonsten tun was er will" zu tun hat.

Vor allem jedoch würde sich so mancher Reiter wundern, wie viele Parallelen man zwischen den verschiedenen Reitweisen entdecken kann. So wettern viele Reiter über Methoden, die sie im Prinzip selber anwenden.

Aber auch wenn es nur um die Ausführung geht, fragt man sich, warum ein anscheinend geschultes Auge für reiterliche Fehler die Vertreter der eigenen Reitweise so kritiklos sehen kann. Selten erlebt man, dass jemand auch der eigenen Reitweise kritisch gegenübersteht und bereit ist, die Richtigkeit einer Methode objektiv zu beurteilen. So entsteht der Eindruck, dass man, wenn man sich einmal für eine Reitweise entschieden hat, schnell gewillt ist, jedem Ausbilder, Reitlehrer und selbsternanntem Profi dieser Reitweise zu glauben und jede Methode völlig bedenkenlos zu übernehmen. Berichten einem beispielsweise Reiter davon, dass sie sich gerade für diese Reitweise entschieden haben, weil sie so unglaublich pferdefreundlich ist, und geben dann ihr Pferd in die Hände eines Ausbilders, der nach einem recht brutalen "Hauruck-Verfahren" vorgeht, muss man sich schon wirklich fragen, wie blind man eigentlich noch sein kann.

Die von einem selbst gewählte Reitweise kritiklos anzunehmen, kann also durchaus gefährlich sein.


Also...

"Meine Reitweise ist die Beste", "Nein meine ist die Beste", "Nein Meine", .....

Dieser Streit ist im Prinzip völlig überflüssig, denn jede Reitweise ist eine gute und auch pferdefreundliche Reitweise, wenn sie von einem bemühten und guten Reiter ausgeführt wird. Genauso gut kann man unter dem Deckmantel jeder Reitweise sein Pferd problemlos quälen und zusätzlich noch ein grottenschlechter Reiter sein.

Anstatt sich also gegenseitig das Leben schwer zu machen, sollte man sich meiner Meinung nach lieber über die Vielfältigkeit dieses Hobbys freuen und versuchen, soviel wie möglich an Positivem mitzunehmen. Schließlich sollten alle Reiter wenigstens den Wunsch gemeinsam haben, ein guter Reiter zu werden und mit ihrem Pferd anständig umzugehen - und in welcher Reitweise man dies dann letztendlich erreichen möchte, ist im Prinzip völlig egal und jedem selber überlassen.

Katinka Schnitker


Zum Wiehern: Warten


Als eines Nachmittags der Anruf kam: „Es ist soweit, meine Stute hat alle Anzeichen, und es könnte gut möglich sein, dass sie heute nacht fohlt“, war ich ernsthaft erfreut und ahnte noch nicht, was auf mich zukommen würde. Wie versprochen packte ich Isomatten und Schlafsäcke ins Auto und fuhr gutgelaunt die halbe Stunde bis zum Stall, in dem meine Cousine ihre Stute untergestellt hatte. Als ich ankam, ließ sie die Stute gerade noch etwas auf dem Platz laufen, wir unterhielten uns, standen rum und schlugen schließlich unser Nachtlager in der Stallgasse auf.


Eine gemütliche Angelegenheit

Wir redeten noch etwas, stellten den Wecker auf zwei und versuchten zu schlafen, was aufgrund der Isomatten, die so bequem waren wie Betonboden, der nicht vorhandenen Kopfkissen und der Schlafsäcke, die der eisigen Kälte nicht so recht standhielten, nicht ganz einfach war. Nach einer recht schlaflosen Nacht, in der alle zwei Stunden nach dem Pferd geguckt worden war, machten wir uns auf den Weg nach Hause, wo ich sofort mit der Frage empfangen wurde „Na, ist das Fohlen da?“ Nein, es war nicht da, aber man konnte ja auch nicht erwarten, dass es direkt in der ersten Nacht kommt. Die Anzeichen deuteten allerdings darauf hin, dass das Fohlen in allernächster Zeit kommen müsste.


Wir gönnen uns etwas Luxus

Aus der vorigen Nacht klug geworden, stopften wir diesmal auch noch Matratzen und Kopfkissen ins Auto und fanden uns abends wieder im Stall ein. Nachts hatten wir dann genügend Zeit, um die vielfältigen Geräusche zu analysieren, die uns anstelle von Isomatten und Kälte vom Schlafen abhielten: Aus der hintersten Ecke ertönte ein unglaublich lautes Mahlen, das durch eine heufressende Stute erzeugt wurde, die ein Fohlen hatte, welches laut unser späteren Statistik ungefähr einmal in der Stunde wieherte. In der Nachbarbox widmete sich eine Stute der systematischen Zerstörung ihrer Box, indem sie Wände und Tür mit den Hufen bearbeitete. Dieses überaus friedliche Geräusch mischte sich mit einem lauten Scheppern, denn der Wallach in der folgenden Box war damit beschäftigt, seinen Salzleckstein in der Krippe hin und her zu schieben. Interessant waren auch die Unterwasserspiele, die eine tragende Stute in ihrer Selbsttränke vollführte, um dann ihre feuchte Lippe über die Kante des Futtertrogs zu ziehen, was ein lautes Quietschen verursachte – und zu guter Letzt eine Stute, die mit klopfenden Geräuschen ihre Box umgrub. Wer behauptet, bei Pferden zu schlafen wäre friedlich und idyllisch, der hat es auf jeden Fall noch nie in diesem Stall versucht!


Wenigstens einer kann hier schlafen

Nur in der allerletzten Box herrschte Ruhe, dort stand die Stute, die eigentlich fohlen sollte, und schlief während dieses nächtlichen Lärms friedlich.

Am nächsten Tag wurden die Anzeichen immer deutlicher, und so warteten wir an diesem Abend wieder hoffnungsfroh. Tatsächlich vernahmen wir auf einmal seltsame Geräusche aus ihrer Box: Sie war unruhig, drehte sich immer wieder und legte sich schließlich hin, sie blieb liegen und fing an, laut und deutlich zu stöhnen. Fast eine Stunde standen wir leise im dunklen Stall und warteten auf die ja anscheinend nahe Geburt, doch während wir nervös überlegten, ob es schon an der Zeit wäre, frische Einstreu zu holen, stand dieses Mistvieh doch tatsächlich wieder auf, schüttelte sich einmal und begann gemütlich Heu zu fressen, wobei ich deutlich gesehen habe, wie sie sich grinsend über uns amüsiert hat.


Langsam reicht es

Die Nächte vergingen laut aber ereignislos, inzwischen wurden wir immer müder und immer schlechter gelaunt. Eine völlig neue Geräuschquelle tat sich auf, als ein weiteres Brett als Trennwand zwischen den Boxen diente, um den tragenden Stuten mehr Ruhe zu verschaffen. Dieses Brett ging die Stute, die sich bis jetzt aufs Box-Umwühlen beschränkt hatte, mit großer Begeisterung und laut schabenden Geräuschen an. Hinzu kam, dass sie das Brett mit den Zähnen anhob und mit einem lauten Knall wieder fallen ließ.


Erste Nervenschäden

Dies veranlaßte meine nervlich nicht mehr ganz auf der Höhe befindliche Cousine, mitten in der Nacht im Schlafsack durch den Stall zu hüpfen, wobei sie einen Schuh in der Hand mitschwang und immer wieder rief: „Du kriegst richtig Ärger mit mir!“ Als diese Drohung nur von kurzer Wirkung war, konnte ich sie nur mit Mühe davon abhalten, mit meinem Schlafsack in die Box zu springen und das Pferd mit dem Schuh zu schlagen.


Ende gut...

In der fünfzehnten Nacht, als wir schon lange jede Hoffnung aufgegeben hatten und davon überzeugt waren, den Rest unseres Lebens in einem Stall verbringen zu müssen, kam das Fohlen schließlich zur Welt, während wir endlich gegen den Lärm der Pferde abgehärtet in wenigen Metern Entfernung schliefen. Wir sahen es zum ersten Mal, als es eine halbe Stunde alt war, es war zwei Uhr morgens und wirklich ein schöner Augenblick, obwohl ich nicht weiß, ob der Augenblick, an dem ich mein Bett wiedersah, nicht fast noch schöner war.

Katinka Schnitker


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